Bunte Tagfalter im Berner Oberland

Am Montagabend 30. Oktober konnte der NVM erfreulicherweise über 70 Personen zum Bildervortrag von Hans-Peter Wymann über Tagfalter im Berner Oberland begrüssen. Hans-Peter Wymann ist im Naturhistorischen Museum Bern tätig, wo er unter anderem unglaublich detailtreue Zeichnungen von Insekten anfertigt.

Die Nordalpen sind gemäss seiner Aussage entomologisch (Insekten betreffend) schlecht erforscht. Auf der Durchfahrt im Kandertal Richtung Wallis hat vor Jahrzehnten einer seiner Forscherkollegen die Aussage gemacht: „Da fliegt nichts“. Dies hat Hans-Peter Wymann beflügelt, der Sache auf den Grund zu gehen. Von den gut 200 Tagfaltern, die in der Schweiz zu finden sind, konnten er und weitere Forscher im Berner Oberland nach langjähriger intensiver Suche und Beobachtungen gut 150 Arten feststellen, was ihn zur süffisanten Schlussbemerkung des Vortages „Irren ist menschlich“ veranlasste. Auch einige als bisher verschollen geglaubte Tagfalter wie der Gelbringfalter konnten von den Schmetterlingsspezialisten im Berner Oberland kürzlich wieder nachgewiesen worden.  

Seine Präsentation der Tour durch das Berner Oberland startete er auf der Thuner Allmend, die dank der Armee einen grossen Trockenrasen und damit auch Habitat für viele Schmetterlinge darunter z.B. den Adonisbläuling ist. Wegen des Klimawandels sind vermehrt auch neue Tagfalterarten zu finden. Der Grosse Schillerfalter ist nun öfter an höheren Standorten als auch weiter nördlich zu entdecken, sofern natürlich auch die Futterpflanzen vorhanden sind. Im Eritzer Hochmoor kommt z.B. der Hochmoor Gelbling vor. In der Nähe, auf der Lombachalp, ist ein grosses Vorkommen an Skabiosen Scheckenfaltern, welcher allgemein als sehr rar gilt.

In der Simmenfluh, die den Zugang zum Simmental markiert, sind speziell an diesem trockenen und warmen Standort Segelfalter, wie der weit verbreitete Apollofalter zu sehen, die die gute Thermik nutzen. Beim Landkärtchen sind die unteren Flügelseiten wie eine Landkarte gemustert. Dieser, wie auch viele andere Schmetterlinge, sind auf die Brennnesseln als Futterpflanze für ihre Raupen angewiesen.  

Die Verbreitung von gewissen Tagfaltern folgt Mustern, die noch nicht geklärt worden sind. So ist im Gasterntal vom sehr artenreichen Alpenapollo die eine Art nur auf der Ost-, eine weitere Art nur auf der Westseite der Kander zu finden. Im Berner Oberland haben viele Falter ihr entweder nördlichstes, westliches oder auch östlichstes Verbreitungsgebiet, je nach ihrer ursprünglicheren Herkunft.

Der grosse und kleine Moorbläuling braucht für seine Entwicklung den Grossen Wiesenknopf als Futterpflanze. Die Raupen lassen sich im Spätsommer zu Boden fallen und werden von den Knotenameisen in ihren Bau geholt im Glauben daran, dass es sich dabei um ihren eigenen Ameisennachwuchs handelt. Im Ameisenbau fressen die Raupen dann Larven der Ameisen. Im Frühjahr schlüpft der Falter und setzt mit einer klebrigen Masse die Ameisen ausser Gefecht und nutzt die Aufregung, um aus dem Ameisenbau raus zu kommen und davon zu fliegen, sich zu paaren und seine Eier erneut auf den Wiesenknopf zu legen. An diesem Beispiel ist zu sehen, wie wichtig es ist, dass verschiedene Elemente symbiotisch vorhanden sein müssen, damit einzelne, hoch spezialisierte Arten sich fortpflanzen können und somit erhalten bleiben.

Weltweit einzig kommt der Sudeten Mohrenfalter in Grindelwald vor. Auch der Schneeschillerfalter kommt in einem Umkreis von 500 km nur ums Faulhorn, oberhalb des Grindelwaldner Talkessels vor. Die männlichen Tagfalter schlüpfen oft vor den Weibchen und von manchen Arten sind die Männchen auf nassen-steinigen Flächen zu sehen, wo sie Mineralien aus dem Boden saugen, damit ihre Spermien reifen.

Im Haslital und im Gebiet gegen den Sustenpass mit seinen Auenwäldern, ist der Geissblatt Scheckenfalter zu finden. Hans-Peter Wymann konnte zu den weiteren zahlreichen beschriebenen Tagfaltern manch lebendige Geschichte über deren Entdeckungen und Beobachtungen erzählen.

Das interessierte Publikum stellte zahlreiche Fragen. So erfuhren wir, dass nur gut zehn Arten als Schmetterlinge überwintern. Die anderen entweder als Raupe, Puppe oder Ei. Manche Arten fliegen nur alle zwei Jahre, da die Entwicklung der Jungtiere wegen der kurzen Vegetationsperiode nur langsam und schrittweise vorangeht. Obwohl sich Tagfalter im Berner Oberland wegen der Klimaerwärmung neue Lebensräume erschliessen, sind diese unter Druck. Werden z.B. Alpen neu durch Strassen erschlossen, folgt damit meist auch der Austrag von Gülle. Dadurch werden die Wiesen zu fett und die vielfältige Magerwiesen Flora verschwindet und damit auch die meisten Schmetterlinge auf diesen Wiesen.

Weiter kamen die kürzlich in der Presse publizierten Ergebnisse der „Krefelder Studie“ zur Entwicklung von Insekten in den letzten 20 Jahren zur Sprache. Die Biomasse der Insekten hat in dieser Zeit um drastische 80% abgenommen. Damit fehlen einerseits Bestäuber für gut ¾ der Nahrungspflanzen, die durch Bienen und Insekten bestäubt werden, aber auch die Lebensgrundlage und Nahrung für weitere Insekten, Vögel und Fledermäuse. Die Gründe dafür sind wissenschaftlich nicht ganz klar. Ein wichtiger Grund dafür ist aber sicher die Verödung unserer Landschaft und das Verschwinden von Futterpflanzen für Insekten. Weiter der starke Einsatz von Pestiziden, damit ein hoher Ertrag erzielt wird und der Konsument makelfreie Ware kaufen kann. 

Was kann dagegen gemacht werden? Wichtig ist eine naturnahe Bewirtschaftung des eigenen Gartens oder Balkons, landwirtschaftlicher und öffentlicher Flächen.

Den eigenen Garten und Balkon naturnah zu gestalten und etwas „Wildnis“ zulassen erhöht die Naturvielfalt. Dies ist um vieles wertvoller als z.B. nur Steinflächen im Garten zu haben. Ein Insektenhotel ist gut, aber es braucht auch Nahrung für dessen Bewohner. Also Wildpflanzen vorziehen und z.B. auch Gemüse blühen lassen, wie Fenchel oder Petersilie. Sie werden staunen, wie dadurch zahlreiche Fluginsekten angezogen werden. Gegen Blattläuse hilft einfache Schmierseife oder Brennnesselwasser. Mit dem Kauf von Produkten aus naturnaher und besonders biologischer Produktion kann die Biodiversität unterstützt werden. Auf jeden Fall ist es höchste Zeit etwas gegen diese anstehende weiter Verarmung der Umwelt zu unternehmen. Machen Sie mit!

Bericht: Erich Lang

Bilder: Hans-Peter Wymann

 

Zusätzliche Informationen:

passend zum Bildervortrag des NVM über bunte Tagfalter im Berner Oberland von Hans-Peter Wymann hier eine Sendung zu Insekten auf SRF1. Bitte scrollen, wenn die Musik nicht gehört werden will. Ab ca. Minute 32 hören Sie Gründe für die massive Reduktion von über 80% der Insekten der Biomasse in den letzten 20 Jahren  und mögliche Massnahmen zur Förderung der Insekten und damit auch der Tagfalter:

Faszinierender Blick in die Welt der Insekten

Insekten sind die artenreichste Klasse der Tiere überhaupt. Viele Arten sind noch gar nicht bekannt. Der «Treffpunkt» wirft einen Blick in die faszinierende Welt der Insekten.

http://podcasts.srf.ch/world/audio/Treffpunkt_31-10-2017-1003.1509444789401.mp3?assetId=eb27babb-9be6-4299-9870-a8be431044a6

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Internationales Forscherteam bestätigt dramatisches Insektensterben

Ein internationales Forscherteam aus den Niederlanden, Grossbritannien und Deutschland hat die dramatischen Befunde zum Insektenrückgang in Nordwestdeutschland in einer jetzt in der internationalen Online-Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlichten Studie bestätigt. Die Forscher stellten damit die Beobachtungen des Entomologischen Vereins Krefeld auf eine wissenschaftlich abgesicherte Basis. So ist mit den Biomasseverlusten bei Fluginsekten von 76 bis 81 Prozent seit den 1990er Jahren ein klarer Negativ-Trend erkennbar. Insgesamt wurden  in einem Zeitraum von 27 Jahren 63 Standorte in Schutzgebieten unterschiedlichster Lebensräume des Offenlandes überwiegend in Nordwestdeutschland untersucht, wobei der Rückgang überwiegend im Flachland festgestellt wurde.

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